Selbstverteidigung und was davon in der Realität übrig bleibt

die wahrheit ueber selbstverteidigung

Die Überschrift dies Artikels haben wir bewusst ausgewählt. Warum? Weil sie gerade in der heutigen Zeit funktioniert. Und so findet man bei Google mittlerweile unzählige Ergebnisse, „Personal-Trainer“, Angebote und vor allem Promotion für diese Art von Suchbegriffen rund um das Thema Selbstverteidigung. Besonders gut zugeschnitten auf Frauen.

Bei diesen Seiten beginnt so gut wie jeder Beitrag mit einem Satz, der sich ungefähr so liest: Alleine abends durch den dunklen Park laufen, das Auto aus dem verlassenen Parkhaus holen, eine schlecht beleuchtete Gasse entlang gehen…“ und diese Artikel haben genau einen Fehler: Sie laufen mit falschen Schlussfolgerungen und gefährlichen Ratschlägen  an der Realität vorbei.

 

Meine gelebten Erfahrungen mit praktischer Selbstverteidigung

Um nicht selbst zu theoretisch an das Thema zu gehen, möchte ich eine prägnante Situation aus meinem Leben vorstellen. Ich teile nicht oft Erlebnisse auf dieser Seite, sondern dann eher in der Diskussion mit Lesern oder Freunden, denen man einen Standpunkt erklären kann, ohne gleich Kommentare lesen zu müssen, die den Kern des Erzähltem nicht verstanden haben.

Es geht also wie folgt los: Ich laufe mit meiner Familie durch die Innenstadt in Hannover. Nein ich fange lieber früher an. Und zwar Ende 2012.

 

Das Ergebnis von über 500 Stunden Training

Aus Interesse an dem Thema habe ich mich dazu entschlossen, Sidokan-Karate zu erlernen. Was mit einem Einstiegskurs anfängt entwickelt sich nach kurzer Zeit zu einer echten Leidenschaft. Zur gleichen Zeit trainiere ich jeden Tag etwa eine Stunde lang meine Ausdauer, Kraft, mein Gleichgewicht und Schnelligkeit. Nach 180 Tagen wiege ich 90kg, bin nach wie vor etwa 1,87m groß und habe einen Körperfettanteil von unter zehn Prozent.

Mit dem nötigen Selbstbewusstsein und der entsprechenden Statur besuche ich vier Stunden pro Woche die Trainingsräume der Kampfschule, in denen ich vom Europameister im Kickboxen 1985 Krav Maga, Aikido und Karate förmlich aufsauge. Das ganze mache ich gut 3 Jahre lang. Vielen Dank an dieser Stelle an meinen Großmeister und 14 fachen schwarzen Gürtel-Träger George Pantelis. Auf dem Bild ist er leider Herrn Putin unterlegen (muss wohl so sein), sonst ist er aber ein hervorragender und erfahrener Trainer.

Georgios Pantelis Putin

In den Trainings habe ich souverän Situation lösen können, in denen ich z.B. von hinten gewürgt oder mit einem Messer am Hals bedroht wurde.

 

Zurück zur Situation in Hannover

Und mit diesem Hintergrund macht es wieder Sinn, direkt nach Hannover in die Innenstadt zu springen. In der Vorweihnachtszeit laufen mein Bruder, seine Freundin, meine Mutter und ihr jetziger Mann durch die einigermaßen ansehnlich geschmückten Straßen.

In einer ruhigen Straße (und danach wusste ich auch, warum dort nicht viele Menschen waren) stoßen wir auf einen Mitmenschen ohne dauerhaften Wohnsitz mit einem deutlichen Hang zu verhaltensverändernden Substanzen, um seine Verfassung vorurteilsfrei zu beschreiben.

Als wir gerade an ihm vorbeilaufen, landet auch schon ein Böller vor unseren Füßen und wir erschrecken uns reflexartig. Unter Schock stehen mein Bruder und seine Freundin in einiger Entfernung und fühlen sich sichtlich bedroht. Mein Stiefvater erkennt diese unangenehme Situation und bittet den „Partyfreak“ freundlich aber deutlich, nicht noch einmal das gleiche zu tun wie gerade. Ich stelle mich dazu, um die Situation besser kontrollieren zu können.

Ich bin dem Fremdem, der mit seiner Koordination zu kämpfen hat, körperlich scheinbar überlegen. Alle beruhigen sich und wir gruppieren uns wieder als Familie, um den Bereich zu verlassen.

Nach 15 Metern blicke ich mich noch einmal um, um die Situation abschließend einzuschätzen. Und genau dieser Blick reicht dem Gegenüber anscheinend, um sich neu zu motivieren, in die Konfrontation zu gehen beziehungsweise seiner Aggression freien Lauf zu lassen. Er steht auf, zieht seine Winterjacke aus und beschleunigt in unsere Richtung.

Ohne zu überlegen dränge ich meine Angehörigen in das nächste Geschäft, welches mit Licht, einer von außen erkennbaren Überwachungskamera und einem recht schmalen Eingang instinktiv Sicherheit verspricht. Bevor uns der Angreifer erreichen kann, sind alle im Geschäft, in dessen Eingang nun der Mann steht, der plötzlich viel entschlossener fitter und aggressiver wirkt.

An genau dieser Stelle passiert mir folgendes: Mein Atem wird flacher, mein Magen flau, meine Beine schwer und mein Kopf arbeitet so schnell wie nur möglich. Mit anderen Worten: Ich habe Angst. Trotz 3 Jahren Kampfsporterfahrung mit vielen Schmerzen, schwierigen Situationen und unzähligen Schlägen – teils von mir, teils gegen mich.

Nach einigen Nerven raubenden Minuten und heftigem Wortwechsel sieht der Angreifer ein, dass die Kameras in dem Geschäft und um uns stehende Menschen genug sind, um die Situation nicht weiter zu eskalieren. Zu unserem Glück. Denn wer garantiert mir, dass er kein Messer, keinen Elektroschocker oder Schlagstock mit sich trägt?

 

Freie Waffen und der Schein der Sicherheit

An dieser Stelle kommt in mir Verachtung gegenüber den ersten Suchergebnissen bei Google auf, die mit stumpfen Schlagworten und bunten Pfeffersprays Kunden anlocken, um frei verkäufliche Waffen zu bewerben. Noch auf der ersten Seite lese ich die Überschrift „Auftreten ist wichtig“. Hat in meinem Erlebnis etwa meine freundliche Art den Angreifer motiviert? Oder hätte ich lieber Springerstiefel statt Sneaker tragen sollen?

Ironisch verpackt aber um so wichtiger: Das Auftreten hat nur wenig mit dem Ergebnis zu tun. Wenn jemand angreifen möchte, tut er das auch, so lange man nicht über zwei Meter groß ist und aussieht wie ein Sondereinsatzkommando.

Gerade lese ich einen zweiten Satz, den ich zwar hier aus dem größeren Zusammenhang zitiere, aber auch in diesem nicht nachvollziehen kann, mit welcher Motivation man dies schreibt: „Meist reicht schon der Griff zum Handy aus, um für genügend Abschreckung zu sorgen, da man sich auf diese Weise nicht mehr alleine in der Situation befindet und jemand anderem mitgeteilt haben könnte wo man ist…“

 

Andere Situationen, gleiches Muster

Die Situation in Hannover war nicht meine erste kritische Situation. Aus vielen ähnlichen Erlebnissen lässt sich ein Muster ableiten: Angst dominiert in einer solchen Situation. Wahrscheinlich hilft diese Angst einem dabei, mehr aushalten zu können. Eine Funktion muss sie ja erfüllen. Der erste Effekt ist aber immer der gleiche. Man wird durch Angst weitaus hilfloser, als man sich in diesem Moment wünscht. In einer solchen Situation mit Pfefferspray oder einem Schlagstock hantieren und effektiv sein zu wollen ist das werbewirksame Wunschdenken einer Industrie, der es noch nie so gut ging wie nach der Silvesternacht in Köln.

Was hilft also wirklich? Klar, Kampfsport ist sinnvoll, um trainiert zu sein, sich ein Stück sicherer zu fühlen und das nach außen ausstrahlen zu können. Damit lassen sich locker 2 bis 3% der potenziellen Angreifer abwehren. Wenn nicht sogar noch mehr…

 

Das Risiko aktiv und bewusst minimieren

Wirksame Selbstverteidigung hat immer etwas mit der Möglichkeit zu tun, als „Herde“ zu funktionieren. Der Vergleich ist eventuell etwas weit hergeholt, verdeutlicht aber den Punkt: Ein Zebra mit Pfefferspray in der Handtasche wird so oder so von einem Löwen angegriffen. Das Zebra hat also nur eine Chance, sich nicht in die Nähe des Löwen zu begeben. So einfach.

Mir erschließt sich nicht, was junge Frauen dazu motiviert, abends im Dunkeln allein durch eine nicht besonders belebte Gegend zu laufen. Meist mit Kopfhörern, lauter Musik und im Kopf völlig woanders. „Awareness“ in einer solchen Situation hat viel damit zu tun, ob man sicher ist oder nicht. Man kann tagsüber laufen gehen oder das gleiche Workout im Fitnessstudio absolvieren.

Wir leben eben leider in einer Zeit und einer Gesellschaft, in der man nicht davon ausgehen kann, dass alle Menschen friedlich miteinander leben wollen. Das ist kein Vorwurf oder Weltschmerz, sondern die Anregung dazu, immer sein Umfeld und sich selbst zu spiegeln, um zu erkennen, in welcher Situation man sich befindet. Spacial awareness ist dafür der passende englische Begriff.

Und wenn es dann doch einmal eng wird (so wie bei dem Bericht oben aus Hannover) und jemand die normalen Grenzen überschreitet, geht es einfach nur darum, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie möglich. In der Kombination mit absolut nachvollziehbarer Angst fällt aber laut Schreien wahrscheinlich als praktikabler Ausweg flach.

 

Nützlich und effektiv

Meine Freundin und ich tragen deshalb immer einen persönlichen Alarm bei uns, um in Notfall so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu ziehen und damit eventuell einen Angreifer davon zu überzeugen, dass sein Vorhaben nicht so einfach sein wird wie geplant.

selbstschutz alarm selbstverteidigung

Aus dem ambitionierten Plan „sich effizient mit Regenschirm, Autoschlüssel, schwerer Handtasche oder einem Stiletto zu verteidigen“ zu können, wird in der Realität leider nichts. Auch nicht nach unzähligen Stunden Trainings mit tatsächlichen oder improvisierten Waffen, die im schlimmsten Fall gegen einen verwendet werden.

Linie

Fazit

Falls jemand nicht die Zeit hatte, den kompletten Artikel zu lesen, hier die wichtigsten Punkte in der Zusammenfassung: